Chemie-Cocktail zum Aufkleben: Klebe-Tattoos im Test
Ob auf Kindergeburtstagen, Festivals oder als sommerliches Mode-Accessoire: Temporäre Klebetattoos liegen voll im Trend. Sie sind bunt und versprechen eine harmlose, abwaschbare Alternative zu echten Tattoos. Besonders Kinder greifen zu den vielfältigen Motiven, die oft tage- oder wochenlang die Haut schmücken.
Doch genau hier liegt das gesundheitliche Risiko: Sie kommen in direkten, dauerhaften Kontakt mit der Haut – unserem größten Organ. Chemikalien in den Tattoos können diese Barriere überwinden und in unseren Organismus gelangen.
Greenpeace Österreich hat gemeinsam mit der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ) Klebetattoos in einem unabhängigen Labor untersuchen lassen. Im Fokus der Analyse standen Schwermetalle, Weichmacher und die Ewigkeitsgifte PFAS.
Wie belastet sind Klebetattoos?
Nachdem die Tattoos im Labor getestet wurden, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Bestehende EU-Grenzwerte wurden in den untersuchten Proben nicht überschritten. Die schlechte Nachricht: In fast allen Produkten finden sich viele problematische Chemikalien.
Insgesamt wurden 31 bedenkliche Substanzen nachgewiesen, in einer Probe waren es sogar zwölf auf einmal. Genau dieser Chemikalien-Mix ist das zentrale Problem. Denn Grenzwerte bewerten in der Regel einzelne Stoffe, nicht aber die Kombination vieler Substanzen auf empfindlicher Kinderhaut. Und das, obwohl bekannt ist, dass sich die Wirkungen verschiedener Chemikalien nicht nur addieren, sondern auch verstärken oder zu neuen Wirkungen führen können.
Welche Chemikalien wurden in Klebetattoos gefunden?
Insgesamt wurden in den 15 Tattoos 31 problematische Chemikalien gefunden. Untersucht wurden die Tattoos auf PFAS, Schwermetalle, Weichmacher, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und flüchtige organische Verbindungen (VOC).
Vier Proben enthielten mit PFAS Ewigkeitschemikalien, für die bereits ein EU-weites Verbot geplant ist (2x PTFE, 1x 6:2-FTOH, 1x 8:2-FTOH). In 14 der 15 Proben wurden die Schwermetalle Blei oder Nickel nachgewiesen, allerdings immer unter den jeweiligen Richtwerten. Sechs Proben enthielten Chemikalien, deren Einsatz auf Grund ihrer Eigenschaften in Kosmetik und/oder Kinderspielzeug verboten ist. Weitere 12 Proben enthielten problematische flüchtige organische Verbindungen wie Lösungsmittel, die teils gut über die Haut aufgenommen werden können und die Haut reizen oder allergische Reaktionen verursachen können. Wiederum andere gefährden, wenn sie in die Umwelt gelangen, Wasserlebewesen.
Welche Klebetattoos wurden getestet?
Eingekauft wurden die Tattoos sowohl im österreichischen stationären Handel (BIPA, dm, Müller, Pagro/Libro als auch bei Billig-Onlinehändlern (Amazon, Shein, Temu). Die Auswahl der Klebetattoos erfolgte stichprobenartig und es wurden Motive gewählt, die vorwiegend Kinder als Zielgruppe haben.
gefundene Chemikalien (mg/kg)
- Dimethylformamid (16)
- N-Methylpyrrolidon (26)
- N-Ethylpyrrolidon (21)
- DMA (38)
- Dimethylglutarat (120)
- Dimethylsuccinat (13)
- DEGMBA (570)
- Ethylenglykol (43)
- Isophoron (19)
- TMDYD (93)
- Blei (3,8)
- Nickel (0,8)
- Blei-Eluat (0,1)
Anmerkungen
- enthält reproduktionstoxische Chemikalien
- sowie eine vermutlich krebserregende Chemikalie
- Konzentration >250 mg/kg
- leuchten im Dunkeln
- Bis(2-ethylhexyl)fumarat: auch Diethylhexyl fumarate genannt (INCI), Weichmacher, selten Hautpflegemittel in Kosmetik, in höheren Dosen giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung (H411)
- DEGMBA: Diethylenglykolmonobutyletheracetat, Duftstoff, Lösungsmittel, Weichmacher für Beschichtungen
- DEHP: Diethylhexylphthalat, Weichmacher, reproduktionstoxisch
- DEHtP: Di-(2-ethylhexyl)terephthalat, Ersatzweichmacher
- DEP: Diethylphthalat, Weichmacher
- DINCH: 1,2-Cyclohexandicarbonsäurediisononylester, Weichmacher
- Dimethylformamid: Lösungsmittel, reproduktionstoxisch
- Dimethylglutarat: Lösungsmittel, dibasischer Ester, oft in Gemischen mit Demethyladipat und Dimethylsuccinat
- Dimethylsuccinat: Lösungsmittel, dibasischer Ester, oft in Gemischen mit Demethylglutarat und Dimethyladipat
- DMA: Dimethyladipat, Lösungsmittel, dibasischer Ester, oft in Gemischen mit Demethylglutarat und Dimethylsuccinat
- Ethylenglykol: Herstellung von Polyester, Emulgator in Kosmetik, Lösungsmittel, Enteisungsmittel
- Ethylenglykol-diphenylether: auch 1,2-Diphenoxyethan genannt, Sensibilisator für Thermopapier, giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung (H411)
- Ethylenglykol-monophenylether, auch Phenoxyethanol genannt: Konservierungsstoff in Kosmetika wie Hautcremen und Feuchttüchern (Höchstkonzentration 1 Prozent); Mischungen mit Methyldibromoglutaronitril kann Allergien auslösen, in manchen Ländern zum Schutz von Korallen in Sonnenschutzmitteln verboten
- 2-Ethylhexanol: Ausgangsstoff für z.B. DEHP oder DEHA, in höheren Dosen Haut reizend (H315)
- 2-Ethylhexylacrylat: für die Herstellung von Acrylatklebstoffen verwendet, in höheren Dosen Haut reizend (H315)
- Isophoron: Lösungsmittel, kann vermutlich Krebs erzeugen
- MEHA: Mono-2-ethylhexyladipat; Metabolit des Weichmachers DEHA (Diethylhexyladipat)
- 4-Methylbenzophenon: Lichtstabilisator z.B. in Druckfarben auch von Lebensmittelverpackungen), in höheren Dosen Haut reizend (H315)
- N-Methylpyrrolidon: Lösungsmittel, Lackentfernung, reproduktionstoxisch
- N-Ethylpyrrolidon: Lösungsmittel, reproduktionstoxisch
- Naphthalin: polizyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff, vermutlich krebserregend
- TBAC: Tributylacetylcitrat auch Acetyltributylcitrat genannt, Ersatzweichmacher
- TMDYD: 2,4,7,9-Tetramethyldec-5-yn-4-7-diol, auch TMDD, Tensid, als Schaumhemmer und Netzmittel eingesetzt, tlw in Farben und Druckertinten, kann allergische Hautreaktionen verursachen (H317)
- Tributylaconitat: Weichmacher, verursacht in höheren Dosen Hautreizungen (H315)
- TXIB: Trimethyl Pentanyl Diisobutyrat, Weichmacher für Böden und Beschichtungen, kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder das Kind im Mutterleib schädigen (H361)
Report: Chemie auf der Haut
Alle Informationen können Sie im Report "Chemie auf der Haut - Welche Chemie-Cocktails die bunten Klebetattoos enthalten" nachlesen.
Jetzt herunterladenWas fordert Greenpeace?
Der Test zeigt eine grundsätzliche Schwäche von aktuellen Regelungen für Grenzwerte: Produkte, die für Kinder attraktiv sind, können einen ganzen Cocktail problematischer Chemikalien enthalten und trotzdem geltende Grenzwerte einhalten.
Bei Kinderprodukten darf nicht die Frage sein, wie viel problematische Chemie gerade noch erlaubt ist. Die Frage muss sein, warum solche Stoffe überhaupt in Produkten landen, die direkt auf Kinderhaut geklebt werden. Kinderprodukte dürfen nicht nur gerade noch legal sein. Sie müssen sicher sein.
- Kinderprodukte ohne gefährliche Chemikalien: Stoffe, die krebserregend, hormonell wirksam, fortpflanzungsschädlich oder stark allergieauslösend sind, haben in Kinderprodukten nichts verloren. Sie müssen in Spielzeug und Produkten, die direkt auf Kinderhaut kommen, konsequent verboten werden.
- Generelles PFAS-Verbot jetzt: Ewigkeitschemikalien dürfen nicht länger in Produkten eingesetzt werden. Greenpeace fordert ein konsequentes EU-weites Verbot aller PFAS, insbesondere in Kosmetik, Spielzeug, Textilien und Kinderprodukten.
- Chemikaliencocktails berücksichtigen: Grenzwerte bewerten meist nur einzelne Stoffe. Kinder kommen aber im Alltag mit ganzen Chemikalienmischungen in Kontakt. Gerade bei Produkten, die länger auf der Haut bleiben, müssen Behörden den Cocktail-Effekt berücksichtigen und Produkte strenger bewerten.
- Kontrollen und Verantwortung verschärfen: Kinderprodukte müssen transparent und korrekt gekennzeichnet sein. Dafür braucht es strengere Kontrollen, klare Verantwortlichkeiten und wirksame Sanktionen. Online-Marktplätze wie Amazon, Temu & Co. dürfen kein Schlupfloch bleiben: Sie müssen für gefährliche oder falsch gekennzeichnete Produkte direkt haftbar gemacht werden.
Gift im Alltag: Schützt uns vor PFAS!
Ja, ich will, dass PFAS-Gifte verboten werden!
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