Im Herz des Regenwalds: Alexander Egit über YANUNI und den Schutz des Amazonas
Mit YANUNI – Die Stimme des Amazonas kommt am 24. April ein eindringlicher Dokumentarfilm in die Kinos. Wir sprechen mit Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace Österreich, über persönliche Begegnungen, politische Verantwortung – und warum der Amazonas uns alle betrifft.
Alexander, du warst Ideengeber für den Film. Wie kam es dazu?
Ich bin privat mit Richard und Anita Ladkani befreundet. Sie machen seit Jahren tolle Filme über ökologisch wichtige Themen. Bei unseren Treffen sprechen wir neben Privatem immer auch über Umweltpolitik, Kampagnen und natürlich auch über mögliche Filmprojekte. Eines Abends saßen wir bei unserem gemeinsamen Lieblingsheurigen in Sooss zusammen und irgendwann kam die Frage auf: Was könnte eigentlich das nächste große Filmthema sein?
Richard hatte zuvor mit The Ivory Game über Elefanten-Wilderei an verschiedenen Schauplätzen in Afrika und Asien gedreht und gerade den Film Sea of Shadows über die Umweltkriminalität im Meer vor Mexiko vorgestellt. Ich habe damals gesagt: Eigentlich wäre der Amazonas das nächste große Thema. Einerseits, weil damit Südamerika im Fokus stünde, andererseits, weil es um den Regenwald geht – also um eines der zentralen Ökosysteme unseres Planeten.
Dazu kam, dass Brasilien politisch gerade extrem spannend war. Rückblickend hat sich das bestätigt: Nach dem Regierungswechsel von Bolsonaro zu Lula steht Brasilien heute wieder stark im Fokus der internationalen Klimapolitik, nicht zuletzt als Austragungsort der vergangenen Klimakonferenz im Amazonas letzten November.
Welche Szene hat dich besonders berührt?
Es gibt mehrere sehr bewegende Momente im Film. Was viele vielleicht noch nicht wissen: Ich bin ein Hobby-Ornithologe: Eine Sache, die mir beim Schauen des Films bewusst wurde, ist die Bedeutung des Yanuni-Vogels. Dieser ikonische Vogel steht symbolisch für Freiheit, Natur und für den Amazonas selbst – und auf eine gewisse Weise auch für die Protagonistin Juma. Diese Verbindung zwischen Mensch und Natur ist ein starkes Bild.
Sehr berührt haben mich aber auch die Szenen, in denen man sieht, wie brutal gegen die friedlichen Proteste indigener Gemeinschaften vorgegangen wird. Brasilien hat eine der höchsten Gewalt- und Mordraten an Indigenen und Umweltschützer:innen weltweit. Wenn man das so unmittelbar sieht, geht das wirklich nahe. Ich bin auch voller Bewunderung, dass Richard das Risiko auf sich genommen hat, unter größter persönlicher Gefahr immer wieder die Kamera drauf zu halten. Er weiß natürlich, dass es für die er filmt einen gewissen Schutz bedeutet, für ihn selber aber höchstes Risiko. Da sieht man die tiefe Verbundenheit mit Juma, ihrem Stamm und dem Wunder Amazonas.
Ich habe im Film große Verantwortung verspürt. Greenpeace Brasilien erlebt diese Realität seit Jahren direkt. Über viele Jahre konnten sich meine Kolleginnen und Kollegen nur mit Personenschutz bewegen. Wenn man das miterlebt, wird klar, wie real die Gefahr ist.
Welche Rolle spielte Greenpeace?
Greenpeace Brasilien ist seit vielen Jahren sehr aktiv für den Schutz des Amazonas und kämpft Seite an Seite mit den indigenen Völkern für den Erhalt des einzigartigen Urwalds. So konnte das Team die Dreharbeiten intensiv durch logistische Hilfestellung und Kontakte vor Ort unterstützen. Beispielsweise wurden bei einem gemeinsamen Besuch zwischen Carolina Pasquali, der Geschäftsführerin von Greenpeace Brasilien, Richard, Juma und Umweltschutz-Pionierin Jane Goodall, ein mehrtägiger Trip in Jumas Dorf und ein Flug über betroffene Amazonasgebiete ermöglicht.
“Wir stehen seit Jahren an der Seite der indigenen Bevölkerung und der Natur des Amazonas. Dieses Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, die dieses unwiederbringliche Paradies schützt, sollte nach dem Film bleiben.”
Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace Österreich
Wo liegen derzeit die größten Bedrohungen?
Die größten Bedrohungen sind weiterhin - wie der Film deutlich macht - illegale Goldminen und die Gefahren für die Menschen, die im Amazonas leben und ihr Leben für den Erhalt einsetzen. Der Amazonas nähert sich einem Kipppunkt. Wird zu viel zerstört, könnte sich der Regenwald irreversibel verändern – mit dramatischen Folgen fürs Weltklima.
Besonders besorgniserregend ist aber auch eine aktuelle Entwicklung in der Sojaindustrie: Über zwanzig Jahre lang gab es im Amazonas das sogenannte Soja-Moratorium, das von Greenpeace mit erkämpft wurde. Dieses Abkommen verhinderte, dass Soja von Flächen gehandelt wird, die nach 2008 im Regenwald gerodet wurden. Es war eines der erfolgreichsten Instrumente zum Schutz des Amazonas – in den überwachten Regionen ging die Entwaldung um fast 70 Prozent zurück. Nun droht dieses System zu zerbrechen. Große Agrarhändler haben sich aus dem Abkommen zurückgezogen, unter anderem wegen politischen Drucks aus dem Bundesstaat Mato Grosso. Damit wird ein wichtiges Schutzinstrument geschwächt – und das zu einem Zeitpunkt, an dem der Druck auf den Regenwald ohnehin massiv steigt. Im Herbst dieses Jahres stehen erneut Wahlen in Brasilien an, die richtungsweisend sein werden.
Gleichzeitig erleben wir auch auf europäischer Ebene einen großen politischen Konflikt um den Waldschutz. Umweltgesetze, die eigentlich Teil des europäischen Green Deals sind – etwa die EU-Entwaldungsverordnung – werden derzeit massiv unter Druck gesetzt. Konservative und rechte Parteien im Europäischen Parlament arbeiten gemeinsam mit Teilen der Industrie daran, zentrale Umweltregeln zu verzögern, abzuschwächen oder auszuhebeln.
Im schlimmsten Fall droht aus dem Green Deal ein „Black Deal“ zu werden – also eine Politik, die Umwelt- und Klimaschutz zurückdreht, statt ihn voranzubringen. Für den Amazonas hätte das direkte Folgen. Europa ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für Produkte wie Soja, Rindfleisch oder Holz. Wenn hier die Regeln schwächer werden, steigt automatisch der Druck auf die Wälder weltweit.
Deshalb ist das, was in Brüssel entschieden wird, auch eine Frage des globalen Waldschutzes. Wenn Europa seine Verantwortung ernst nimmt und starke Regeln durchsetzt, kann das Entwaldung tatsächlich bremsen. Wenn diese Regeln aufgeweicht werden, ist das ein direkter Angriff auf den Schutz der Wälder weltweit.
Was wünschst du dir vom österreichischen Publikum?
Mir ist wichtig, dass die Menschen sich inspirieren lassen und die Energie des Films mitnehmen. Dass sie Solidarität spüren – vor allem mit denen, die es schwerer haben und auf Unterstützung angewiesen sind. Ich hoffe, dass sie anerkennen, was Menschen wie Juma tun, aber auch das Engagement von Greenpeace Brasilien sehen: Wir stehen seit Jahren an der Seite der indigenen Bevölkerung und der Natur des Amazonas. Dieses Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, die dieses unwiederbringliche Paradies schützt, sollte nach dem Film bleiben.
Über den Film:
Yanuni - Die Stimme des Amazonas
Richard Ladkani | AT/DE/BR/CA/US 2025 | 112 min
Kinostart: 24.4.2026
Der österreichische Regisseur Richard Ladkani („Sea of Shadows“, „The Ivory Games“) erzählt in seinem neuen Film die Geschichte von Juma Xipaia, einer indigenen Anführerin aus dem Herzen des Amazonas – produziert von u.a. Leonardo DiCaprio, auf Festivals weltweit über zwanzig mal ausgezeichnet und auf der Oscar Shortlist als Bester Dokumentarfilm.
YANUNI – DIE STIMME DES AMAZONAS erzählt die Geschichte von Juma Xipaia, einer indigenen Anführerin aus dem Herzen des Amazonas, die aus dem Umweltaktivismus bis in die höchsten politischen Kreise Brasiliens aufsteigt: ins weltweit erste Ministerium für Indigene Völker.
Während ihr Ehemann Hugo als Agent der brasilianischen Umweltbehörde illegale Goldminen zerschlägt, navigiert Juma das Spannungsfeld zwischen Macht, Bedrohung und Mutterschaft – und nimmt dafür große persönliche Risiken in Kauf.
Intim und episch zugleich, erzählt YANUNI – DIE STIMME DES AMAZONAS in beeindruckenden Bildern eine packende Geschichte über indigene Souveränität, Liebe und den dringenden Kampf um unseren Planeten.
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